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Denglisch
...und die Anglisierung der deutschen Sprache.

Was die Frage der Verwendung englischer Wörter und Begriffe im Deutschen angeht, ist der Übersetzer vielen inneren Kämpfen ausgesetzt. Das Thema ist allerdings komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. In bestimmten Fachsprachen, darunter nicht zuletzt der Sprache der Informationstechnologie, ist heute fast jedes zweite Wort englisch. Dies ist aber kaum zu vermeiden. Im Mittelalter war Latein die Weltsprache der Wissenschaften – heute ist es Englisch. Die Wissenschaftler und Techniker der Welt sind oft sprachlich nur mäßig begabt, müssen aber – insbesondere im Zeitalter der Globalisierung – über ihre fachlichen Angelegenheiten effektiv kommunizieren können. Dazu brauchen sie eindeutige Fachbegriffe, die von allen verstanden werden, und das kann nur eine universale Sprache leisten.
Dass ausgehend von der Computersprache (aber auch aus anderen Richtungen) ein von englischen Ausdrücken durchsetzter Jargon in die Umgangssprache eindringt, ist eine andere Frage. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass das Deutsche aufgrund seiner Fähigkeit, sich selbst zu erklären, und aufgrund seiner Eindeutigkeit wie kaum eine andere Sprache für Wissenschaft und Technik geeignet ist. In seriösen wissenschaftlichen Publikationen ist denn auch der Einfluss des Englischen eher mäßig. Weil aber Deutsch sehr schwer ist, wird es mit dem Englischen nie mithalten können.
Problematisch an der direkten Übernahme englischer Wörter (z. B. “Recycling”) in die Alltagssprache ist, dass sich diese der deutschen Grammatik entgegensetzen, weil sie die Flexionen oft nicht nachvollziehen können und dann zu grauenhaften Bildungen wie “recycelt” oder gar “recycelbar” führen – grauenhaft deshalb, weil das phonetisch geschriebene Deutsche mit dem aphonetischen Englisch in Konflikt gerät und am Schluss niemand mehr weiß, welchen Teil des Wortes man wie auszusprechen hat. Vielleicht sollte man etablierte englische Begriffe phonetisieren, wie das im Spanischen geschieht (beisbol, futbol).
Ist die Qualität von Übersetzungen messbar?

Es gibt eine Reihe von Versuchen, die Kriterien für Übersetzungsqualität wissenschaftlich zu definieren und objektiv messbar zu machen. Natürlich sind Terminologiefehler und sonstige „Schnitzer“€ im Handwerklichen (Grammatik, Satzbau, Verständnis des Textgegenstandes usw.) relativ leicht auszumachen – aber das ist nur die unterste Ebene der Bewertung.
Letztlich muss man bedenken, dass Sprache – wie Musik – ein äußerst komplexes, lebendiges, mit mathematisch-statistischen Methoden kaum fassbares Gebilde ist– eben ein durch und durch menschliches Produkt.
Die Fähigkeit, mit Sprache virtuos umzugehen, ist in hohem Maße eine Frage des Talents (und der Übung – dazu ist u.a. der Deutschunterricht in den Schulen da). Karl Kraus sprach vom „absoluten Gehör für die Sprache€“. Ob ein Text gut übersetzt ist, ob er klar kommuniziert und die beab- sichtigte Botschaft optimal „hinüberbringt“, lässt sich noch am ehesten bestimmen, indem man ihn liest und seinen spontanen, subjektiven Empfindungen vertraut: Hat er Hand und Fuß? Habe ich alles sofort verstanden? Oder wirkt er unbeholfen? Ist die Aussage schwammig? Ist die Ausdrucksweise irgendwie ungeschickt? Und so weiter...

Image-Schaden durch schlechtes Englisch
Was kostet ein sprachlich missglückter Web-Auftritt?

Wieviel Verwirrung und wieviel Miss- verständnisse, ja wieviel wirtschaftlicher Schaden durch den stümperhaften Gebrauch der englischen Sprache im Wirtschaftsalltag verursacht wird, kann niemand abschätzen. Es käme einer Bankrotterklärung von enormer Peinlichkeit gleich, würden Unternehmen hier Farbe bekennen. Wir werden’s nie erfahren.
Was wir aber erfahren können, und zwar im täglichen Leben, ist die gleichgültige Hinnahme der Zerstörung der Ausdrucksfähigkeit unserer eigenen Sprache. Sprachlicher Wandel ist eine Tatsache. Sprachliche Pfuscherei ist ein Wirtschafts- risiko. Vielleicht wacht ja die Wirtschaft irgendwann auf, zwickt sich in den Arm und erkennt, dass Eitelkeit in der Kommunikation zwischen Menschen und Geschäftspartnern kontraproduktiv und kostspielig ist.
Kreatives Übersetzen und die Ignoranz

Vor einigen Jahren erhielt ich den Auftrag, eine Tourismusbroschüre für die Fremdenverkehrsverwaltung eines eher unauffälligen US-Bundesstaats ins Deutsche zu übersetzen. Es war eine reizvolle Aufgabe, die Sehenswürdigkeiten des Staates einem deutschen Publikum schmackhaft zu machen, und ich gab mir viel Mühe, die Broschüre sprachlich ansprechend zu gestalten. Einige Tage nach der Lieferung teilte mir die Agentur mit, die Endkundin sei unzufrieden mit der Übersetzung. Man habe eine automatische Übersetzung mit Google Translate angefertigt und festgestellt, dass meine Übersetzung „ganz andere Wörter“ enthalte.
Gemeinsam mit meiner Agentur, mit der ich schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitete, versuchte ich, der Dame den Unterschied zwischen Google Translate und einer echten Übersetzung klar zu machen und ihr zu vermitteln, dass Übersetzen ein kreativer Prozess ist, bei dem es gerade darum geht, das Original nicht wortwörtlich nachzuahmen, sondern den Sinn des Textes in der Ausdrucksweise der Zielsprache wiederzugeben usw. usw. Es nützte alles nichts, die Dame bestand auf einer wörtlichen Übersetzung. Ich war erschüttert. Natürlich habe ich der unbelehrbaren Kundin geliefert, was sie zu wollen glaubte - das, was sie wirklich brauchte, hatte sie ja abgelehnt.
Leider ist das kein Einzelfall, und er ist auch nicht auf die USA beschränkt. Selbst hierzulande begegnen einem immer wieder Menschen, selbst gebildete Menschen, die der Meinung sind, eine Übersetzung müsse wörtlich sein, um den Sinninhalt des Originals korrekt wiederzugeben. Dass jede Sprache ihre ureigenen Ausdrucksweisen hat, die von ihren Entsprechungen in anderen Sprachen grundverschieden sein können; dass der Satzbau selbst zwischen verwandten Sprachen wie Deutsch und Englisch oft komplett anders sein muss, um den gleichen Gedanken adäquat wiederzugeben; dass Zäsuren anders gesetzt werden müssen, dass die optimale Satzlänge, die zulässige grammatische Komplexität und vor allen Dingen die Idiomatik ganz unterschiedlich zu behandeln sind, leuchtet vielen Zeitgenossen nicht ein und hindert sie daran, eine gute Übersetzung von einer weniger guten zu unterscheiden.
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• Jeder lernt Englisch, aber nicht jeder kann Englisch.
• Die Komplexität des Englischen wird allgemein unterschätzt.
• Mangelnde sprachliche Kompetenz kann das Image eines Unternehmens gefährden.
• Ein Deutscher sollte nicht versuchen, zur Publikation bestimmte Texte auf Englisch zu verfassen.
• Man kann Sprachdienstleistern nicht blindlings vertrauen.
• Fremdsprachliche Selbstüberschätzung kann hohe Kosten verursachen.


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